Ein Denkanstoss zur Ambivalenz von Kultur, Macht und Menschlichkeit
Es ist eine alte Geschichte. Sie steht ganz am Anfang der Bibel, versteckt in einer Genealogie: Kain, der erste Mörder, baut eine Stadt. Seine Nachkommen werden zu den Erfindern der Viehzucht, der Musik und der Metallverarbeitung. So entsteht eine frühe Hochkultur – mitten im Schatten der Gewalt. Dann tritt Lamech – ein weiterer Nachkomme Kains – auf. Er rühmt sich damit, einen Menschen erschlagen zu haben. Nicht mit Reue, sondern mit Stolz. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter – ganz unbeeindruckt vom kulturellen Fortschritt. Kommt uns das bekannt vor? Wir leben in einer Zeit atemberaubender Innovationen: Künstliche Intelligenz, globale Vernetzung, medizinischer Fortschritt, Raumfahrt. Aber auch: geopolitische Spannungen, neue Gewalt und zunehmende soziale Kälte. Der Mensch kann mehr denn je – aber tut er auch das Richtige?
Der Text aus 1. Mose (Kapitel 4, Verse 17-26) ist keine fromme Erzählung für religiöse Spezialisten, sondern ein zeitloser Spiegel. Er stellt eine unbequeme Frage: Können wir Kultur schaffen, ohne uns dabei selbst zu verlieren? Denn das ist die Botschaft zwischen den Zeilen. Technik, Kunst, Städtebau – all das kann grossartig sein. Aber wenn es keinen ethischen Anker, keinen inneren Kompass gibt, dann droht Fortschritt zur Entmenschlichung zu werden. Dann wird Macht zum Selbstzweck. Dann wird Gewalt zum legitimen Mittel. Im letzten Vers dieser Passage steht eine leise, aber bedeutende Wendung: „Damals fing man an, den Namen Gottes anzurufen.“ Es ist der erste Hinweis auf Spiritualität. Auf die Sehnsucht nach etwas, das grösser ist als wir selbst. Etwas, das Orientierung gibt. Eine Beziehung, die nicht auf Leistung, sondern auf Vertrauen gründet. Vielleicht ist das die Frage, die wir uns heute wieder stellen müssen: Wofür setzen wir unser Wissen, unsere Technik und unsere Macht ein? Bauen wir Städte oder Brücken? Suchen wir Ruhm oder Beziehungen?
Fortschritt ist nicht per se gut oder schlecht. Er ist das, was wir daraus machen. Aber ohne innere Orientierung bleibt er richtungslos. Und manchmal zerstörerisch. Was wäre, wenn wir neben den KPI’s auch über Werte sprechen würden? Wenn wir neben der Effizienz auch über Verantwortung sprechen würden? Neben Innovation auch über Sinn? Vielleicht ist es an der Zeit, Sinn, Mitgefühl und Demut wieder ins Spiel zu bringen. Nicht religiös im engeren Sinn, sondern menschlich im besten Sinn.

